Gänsejagd_dreispross

Gänsejagd im Kaiserreich

Jagdtagebuch, 07.01.2016

Ich möchte Euch von einem meiner letzten Jagderlebnisse erzählen. Einem Erlebnis der gemeinsamen, aktiven Jagd mit einem Wechsel zwischen Spannung und erwartungsvoller Ruhe, die man sonst nur von Drückjagden in Hochwildrevieren kennt. Von einer Jagd, die das Blut zu kochen brachte und den Körper zum Schwitzen, obwohl die eisigen Temperaturen kurz hinter dem Nordseedeich etwas anderes erwarten ließ.

Würde ich einen Film darüber anmoderieren, würde ich ihn sicher Gänsefieber nennen, weil dann doch jeder Jagdfreund weiß, wovon ich spreche.

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Dem Dithmarscher Landwirt Cord Beckmann stieg in den Tagen zuvor aus anderen Gründen der Blutdruck, denn er hat sein Ackerland auf dem Halbland Friedrichskoog, einem von dem Meer abgewonnen Marschland zwischen der offenen Nordsee und der Elbmündung. Gerade hier rasten Tausende von Wildgänsen auf dem Flug von Skandinavien in den Süden oder verbringen hier den Winter wie die Nonnengänse, bevor sie zu ihren arktischen Brutgebieten in der Barentssee-Region zurückkehren.

Es ist die Konzentration und die Anzahl der Gänse, die hier ihren Nahrungsbedarf u.a. auf den Ackerflächen decken, ohne dass die geschädigten Landwirte für den entstandenen Schaden entschädigt werden.

Im Gespräch erklärt mir der Landwirt die notwendige Bejagung, die hier nach dem schleswig-holsteinischem Landesjagdrecht zur Schadensabwehr auf Ackerflächen unter anderem auch auf die Nonnengans (Weißwangengans) erlaubt ist. Cord der Landwirt sagt, „Die haben mir in den Tagen zuvor den Weizenschlag auseinander genommen und  bereits mehrere Tausend Euro Schaden angerichtet, die ich als junger Landwirt erst mal stemmen muss.“.

Nun sind die Landwirte oft bereits mit einem Stein auf der Brust geboren, aber was ich mit eigenen Augen sah, bestätigt seine Verärgerung. Kein Quadratmeter ohne Schaden, das in der Blattentwicklung befindliche Grün war großflächig abgefressen und überall hinterlassener Gänsekot.

Mit dabei waren Nils Kradel, der sich passioniert der modernen Flugwildjagd verschrieben hat und erfolgreich Flugwildlocker (www.lockschmiede.de) baut und Jagdfreund Volker.

Bereits beim Aufbau des Lockbildes machten wir dort äsende Gänse hoch und das Bild der auffliegenden Gänse war gewaltig. Flügelschlagen, trompetende Rufe und ein Himmel mit einem schwarz-grau-weißem Flügelgewirr war für uns Nicht-Dithmarscher Jäger mehr als beeindruckend.

Nur Cord blieb gelassen und drängte zur Eile, denn es seien sicher nicht die letzten Gänse, die uns heute besuchen würden. So bauten wir das u-förmige Lockbild mit beflockten Halb- und Vollschalenattrappen von Graugänsen  auf, die nicht nur für das menschliche Auge täuschend echt aussehen.

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Das schadgeplagten Weizenfeld wird durch einen mannstiefen Schilfgraben getrennt und in diesem bauten wir einen geräumigen Stand, der lediglich mit natürlich vorkommenden Schilfgras und einer Schilfrohrmatte verblendet wurde.

Übrigens wurde unser Treiben eine Zeitlang von einem anderen Gänsejäger, einem adultem Seeadler beäugt, der hoch über dem Lockbild kreiste. Mich fasziniert dieser majestätische und größte Greifvogel Deutschlands und ich filmte ihn, denn auch dafür war ich heute bei der Jagd dabei.

Auf dem Acker blies uns der eiskalte Wind kräftig ins Gesicht und wir nahmen schon langsam die ortsübliche und dem ständigen Seewind geschuldete Gesichtsröte an. Im Graben selbst war es nahezu windstill und so saßen wir nun je auf einem Sitzkissen auf dem hartgefrorenen Boden und sprachen über die persönlichen Erwartungen, die doch stark variierten.

Im Vorfeld hatte Cord durch regelmäßiges Beobachten das Lieblingsfeld der Gänse ermittelt, sodass das Lockbild und der Schirm perfekt standen. Der Wind wehte so, dass die Gänse für den Schrotschuss optimal einfielen und das Lockbild entsprach genau den Vorstellungen der Gänse und fand schnell Anklang.

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Und die Sekunden von der Sichtung der anfliegenden Gänseschar, der potenziell steigenden Anspannung der Schützen im Schirm, dem Kommando, dass alle gleichzeitig aufstehen und feuern lässt und den dann herabfallenden Gänsen. Nach meiner Meinung sind das wohl genau die besonderen Momente, eben das Gänsefieber.

Es ist dann doch so ganz anders, als die für sich still und allein erlebbaren Emotionen auf einem Drückjagdbock.

Bei der Gänsejagd entsteht ein Wir-Gefühl, weil man hier greifbar und direkt als Team zusammensteht. Und dass nach einem geglückten Anflug ein Schrei der Begeisterung bei dem einen oder anderen Schützen festzustellen war, zeigte die Freude über das gelungene Zusammenspiel und die erfolgreiche Jagd.

Und an diesem Jagdtag passte eben alles; die Sonne brach durch die Wolken und sorgte für ein angenehmes und wärmendes Licht, die „Grabengespräche“ waren kurzweilig und der stetige Anflug von zum Teil riesigen Gänsescharen mit dem wiederholten Jagderfolgen ließ die Stunden wie Minuten wirken.

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Am Ende des Jagdtages konnten wir mit vier Flinten 66 Gänse, dabei überwiegend Weißwangengänse (Nonnengänse) zur Strecke bringen.

Auf der Rückfahrt waren wir wirklich euphorisch, tauschten die eigenen Eindrücke aus, redeten über mögliche Kochrezepte und vereinbarten den festen Willen einer baldigen Wiederholung dieser Gänsejagd in Friedrichskoog, einem Landstrich dessen Bewohner es liebevoll ihr Kaiserreich nennen.

Die Jagdbeute wurde gerecht geteilt und zu köstlichen Wildgeflügelgerichten verarbeitet.

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Und Landwirt Cord…? Er meldete in den Folgetagen, „Keine Gänse auf meinem Acker!“.  Und ich entgegnete, „Schön, wenn wir Dir helfen konnten.“.

Gruß und Waidmannsheil

Euer Dreispross

Und für alle, die visuelle Effekte ansprechender finden, hier könnt Ihr das passende Video finden:




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